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Kunstkammerobjekte

Spezialauktion Juni 2006 / Kuriositäten, Dekorative Objekte. Mineralien, Bronzen, Kostbarkeiten

VON KUNST- UND

VON KUNST- UND WUNDERKAMMERN In eine Kunst- und Wunderkammer gehörte, was in der Zeit ihrer Entstehung und Erweiterung als wertvoll, besonders und eben nicht als alltäglich erachtet wurde. "Wunder" oder erlesene Kunstobjekte sollten es sein, wie es der Name schon andeutet. Die Kunst- und Wunderkammern gehören zu den faszinierendsten Kapiteln der europäischen Kulturgeschichte der Neuzeit. Ihre Wurzeln liegen bereits im Mittelalter, als Regenten mit wissenschaftlichem Elan Mirabilien und Exotica, wundersame Objekte aus aller Welt, zu einer Art „kleinem Universum“ zusammentragen ließen. Zu einer Blüte der Kunst- und Wunderkammer brachte es dann das 16. Jahrhundert in Europa, als weltliche und kirchliche, von Sammelleidenschaft und Wissensdrang ergriffene Fürsten solche Sammlungen als eigentliche Vorläufer von Museen aufbauten. Als namhafte Begründer solcher Sammlungen sind beispielsweise die Mitglieder der feinsinnigen und merkantil erfolgreichen Familie Medici in Florenz in die Geschichte eingegangen, die, als echte „uomini universali“, neben der Kunst immer auch die Naturwissenschaften und Philosophie förderten. Stark taten sich später die Habsburger auf diesem Gebiet hervor. Ihre prächtige, dem Mäzenatentum von Erzherzog Ferdinand II (1529-1595) und Kaiser Rudolf II (1552- 1612) zu verdankende Sammlung ging in das Wiener Kunsthistorische Museum ein. In eine Kunst- und Wunderkammer gehörte, was in der Zeit ihrer Entstehung und Erweiterung als wertvoll, besonders und eben nicht als alltäglich erachtet wurde. „Wunder“ oder erlesene Kunstobjekte sollten es sein, wie es der Name schon andeutet. Neben ausgefallenen Bildhauerarbeiten fallen darunter Medaillen und Münzen, astronomische Geräte, Hexenutensilien, Globen und Atlanten, echte oder nachgebildete Skelette und Fossilien, Objekte aus Narwalzahn, kurioses, aus dem Horn des Rhinozerus gearbeitetes Kunstgewerbe oder virtuos gedrechselte Elfenbeinarbeiten. Kostbare Mineralien versah man mit metallenen Figurenstaffagen in Landschaften und Architekturen. Auch prachtvolle Arbeiten von Gold- und Silberschmieden nahm man auf, etwa Nautiluspokale und in Edelmetall kunstvoll gefasste Straußeneier oder Kokosnüsse, die von Übersee das europäische Festland erreicht hatten. Gesammelt wurde das Fremde, Exotische oder das besonders „Künstliche“ in der Kunst, eine Mode, die im 16. Jahrhundert mit dem Manierismus aufkam. Die frühen Wunderkammern unterteilten sich in „naturalia“, Werke der Natur, und „artificiala“, künstliche, von Menschenhand geschaffene Stücke. Später sammelte man Objekte aus den Bereichen Kunst, Natur und Wissenschaft, die als ein Mikrokosmos der äußeren Welt in einer Kunst- und Wunderkammer gleichzeitig geboten werden sollten. Für unsere Spezialauktion konnte eine 300 Objekte umfassende Kunst- und Wunderkammer, darunter auch Kuriositäten und dekorative Objekte eingebracht werden. Aus dem 16./17. bis 20. Jahrhundert stammen die Exemplare und bieten Einblick in das gesamte Spektrum dieses Sammelgebietes. Bei der Datierung der Einzelstücke sind wir wie folgt verfahren: Bei Objekten, die wir mit einer Altersangabe ausgewiesen haben, zum Beispiel „17. Jhdt.“, sind wir der Meinung, dass das ganze Objekt aus dem 17. Jahrhundert stammt. Ist bei 2

den Objekten keine Altersangabe gegeben, so sind wir der Meinung, dass das ganze Objekt nicht eindeutig einer Zeit zuzuordnen ist, oder dass Elemente des Gegenstandes aus unterschiedlichen Zeiten stammen. Objekte, die im 20. Jahrhundert entstanden, sowie Mineralien und Naturprodukte, werden in den Beschreibungen altersmäßig nicht näher bestimmt. Wir bitten, dies zu beachten und sich selbst vor Kauf eine eigene Meinung zu bilden. Im Katalog sind Schwerpunkte auf Tafelzier- und Dekor, Bildhauer-, Korallen-, Elfenbein- und Rhinoschnitzarbeiten gelegt. Unter den Skulpturen gibt es eine qualitätsvolle Renaissance-Arbeit des berühmten „Herkules Farnese“ in feuervergoldeter Bronze (Kat.Nr. 805), eine vollrund ausgearbeitete Holz- Elfenbein-Kombinationsarbeit von Simon Troger (Kat.Nr. 828) und eine Reihe von Plaketten aus der Wiener Sammlung Alfred Walcher Ritter von Moltheim (ab Kat.Nr. 714 ff.). Umfangreich ist die Partie an Korallenarbeiten, die mit ihrer intensiven roten Farbe das Gesamtbild der Kollektionen belebten. Glanzstücke der Auktion sind zwei aufwendig gearbeitete Figurengruppen, deren Motive wie ihr Material der Welt des Meeres entnommen ist: Als Tafelzier entwarf man den „Neptun und das Meeresungeheuer“, das mit einem bedeckelten Gefäß für das seinerzeit sehr kostbare Salz ausgestattet ist (Kat.Nr. 765). Die zweite Gruppe in Korallenschnitzarbeit aus dem 17. Jahrhundert ist „Poseidon und Galatea“ gewidmet, die auf einer Welle aus Delphinen aus dem Meer emporgestiegen sind und eine große, in Goldarbeit gefasste Schale aus einer Muschelhälfte zieren. Unter den Elfenbeinarbeiten ist ein kleiner, sechsarmiger Lüster mit gelblicher Patina aus dem 17. Jahrhundert besonders erlesen. Sein kunstvoll geschraubter, balusterförmiger und godronierter Schaft trägt manschettenverzierte Arme mit gedrechselten Tüllen und Tropfschalen, für weitere Dekorationsmöglichkeiten ist jeder Arm mit einem Hängering versehen (Kat.Nr. 748). Unter den kunstgewerblichen Stücken befindet sich außerdem ein kostbarer Juwelenstrauss aus Goldstilen, dessen Blüten mit Smaragden, Rubinen, Emaildekor und Perlen besetzt sind, arrangiert in einer massiven Bergkristallvase mit Schliff- und Schnittdekor (Kat.Nr. 822). Mit historischer Distanz betrachtet, sind die Geschichten um die Mirabilien besonders spannend. Beispielsweise wurde den Bezoarsteinen, von denen ein kugelförmiges, als Schaustück in vergoldeter, reich dekorierter Silbermontur gearbeitetes Exemplar zu Gebot steht (Kat.Nr. 899), in früheren Jahrhunderten magische Fähigkeiten zugeschrieben. Man glaubte, er neutralisiere vergiftete Getränke. Deshalb verarbeitete man die Steine oft zu Schmuckstücken, die an einer Kette hängend in ein Gefäß getaucht werden konnten. Die Bezoarsteine entstehen aus verschluckten, unverdaulichen Materialien wie zum Beispiel Haaren, die im Magen von Raubvögeln und Katzen nach dem Verschlingen von Beutetieren gebildet werden. Die unverdaulichen Haarreste werden nach einiger Zeit hochgewürgt, ausgespuckt und verkrusten dann in ihrer natürlichen Umgebung. Auch dem spiralförmig gedrehten Stoßzahn des Narwals schrieb man seit dem Mittelalter große Wirkung als Gegengift zu und zahlte hierfür sogar weit höhere Preise als für Gold. Aus Narwalzahn fertigte man Trinkgefäße, von denen angenommen wurde, sie könnten Gift erkennen und überwinden. Sehr originell aufgebaut ist das Gefäß, dessen auf einem kurzen, goldfarbenen Schaft montierter, querovaler Korpus aus Narwalzahn von einem springenden silbernen Einhorn bekrönt wird (Kat.Nr.810). Irrtümlicherweise hielt man lange das aus der Welt der Fabeln stammende Einhorn und nicht den Narwal für den Spender dieses begehrten Materials. Auch Hexenkästchen mit Zauberstäben und handgeschriebenen Büchern gehörten zur Sammlung, wie auch Arzneikästchen, aufwendig gearbeitete Bergstufen, Memento Mori und ein Schrumpfkopf (Kat.Nr.876). Nicht einer gewissen Komik entbehrt unter den Kuriositäten der Gehörgang eines Wals, der einseitig mit einer menschlichen Physiognomie bemalt und mit einem Ohrschmuck ausstaffiert wurde. Wir wünschen Ihnen Freude an diesem seltenen Angebot und für die Auktion viel Erfolg. 3

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